Die Regierung zwingt uns Biosprit zu benutzen
Die stetig wachsende internationale Nachfrage nach Biokraftstoffen ruft nicht nur bei Umweltschützern Unbehagen hervor. Ein Großteil der Biokraftstoffe wird nicht nachhaltig produziert und kann daher kein Teil der Lösung von Umweltproblemen sein. Die Entwicklung auf dem Biokraftstoff-Sektor ist an diesem Donnerstag Thema einer internationalen Konferenz in Brüssel. Als Gastgeber erwartet EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso dazu unter anderem Brasiliens Staatspräsidenten Luiz Inacio Lula da Silva. Lula hatte im vergangenen Jahr einen Biokraftstoff-Plan entwickelt, der die Gewinnung von Biodiesel aus Soja vorsieht.
Brasilien gilt bei Umweltschützern als eines der Länder, das am meisten unter der starken Nachfrage nach Biokraftstoffen leidet. Für den Anbau von Zuckerrohr und Soja wurden bereits weite Teile des Regenwaldes am Amazonas abgeholzt. Wir verfolgen das mit großer Sorge. Zwar werde Zuckerrohr nicht immer direkt in Regenwaldgebieten angebaut: Der Anbau sorgt aber dafür, dass die Viehzucht aus dem Süden in den Norden ausweichen muss und damit den Regenwald gefährdet. Zu den größten Biokraftstoff-Exporteuren weltweit zählen Indonesien und Malaysia. In den südostasiatischen Ländern gehöre Palmöl mittlerweile zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Für die profitablen Plantagen würden große Flächen Urwald niedergebrannt. „Beide Länder zählen im Moment zu unseren größten Problemkindern. Der größte Teil des gewonnenen Öls gehe nach Europa, am meisten importiere Schweden.![]()
Deutschland beziehe die Biotreibstoffe dagegen noch überwiegend aus Europa, sagte die Expertin. Die Europäische Union hatte sich im März darauf verständigt, den Anteil von Biotreibstoffen am gesamten Kraftstoffverbrauch bis zum Jahr 2020 auf zehn Prozent zu steigern. Man bezweifelt, ob ein Gütesiegel für die umweltschonende Herstellung von Biokraftstoffen Sinn mache. Bisher gibt es noch keinen Vorschlag für ein solches System, der uns vollkommen überzeugt hat. Wichtig sei, dass durch die Gewinnung von Biokraftstoffen kein Schaden an natürlichen Ökosystemen entsehe, keine zusätzlichen Treibhausgase produziert würden und es keine Nahrungsmittelknappheit gebe. Dies war zu Beginn des Jahres in Mexiko der Fall, wo wegen der großen Nachfrage nach Ethanol-Sprit aus den USA das mexikanische Grundnahrungsmittel Mais knapp wurde. Viel besser als die Nutzung von erneuerbaren Energien wäre es daher nach wie vor, einfach den Stromverbrauch zu senken.
„Die große Bio-Lüge“
Berlin – Vorreiter will Deutschland beim Klimaschutz sein, also auch bei den erneuerbaren Energien. Doch das hektische Umsteuern hat Folgen, die alles andere als umweltfreundlich sind: Regenwälder werden abgeholzt und Nahrungsmittel teurer, weil Riesenflächen zum Anbau der begehrten Rohstoffe benötigt werden.
„Die große Bio-Lüge“, nennt das Thomas Henningsen von Greenpeace. Auch die Bundesregierung hat das Problem erkannt und will ein Kontrollsystem einführen – eine Art Bio-Siegel für so genannte Bio-Kraftstoffe. Ein Konzept zur Zertifizierung von Palmöl aus Indonesien oder Sojaöl aus Brasilien ist in Arbeit. Doch Umweltschützern reicht dies bisher nicht.
Abholzen fürs Öko-Siegel
Nachwachsende Rohstoffe werden in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern zunehmend zur Gewinnung von Strom, Wärme oder Kraftstoffen eingesetzt. Mit Förderprogrammen unterstützt die Bundesregierung dies seit einigen Jahren. Umweltminister Siegmar Gabriel (SPD) zog am Donnerstag eine Bilanz zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und kündigte schon mal an, dass Palmöl aus der Vergütung ausgeschlossen werden solle, so lange es kein wirksames System zur Überwachung der Produktion gebe.
87 Prozent der Regenwald-Abholzung in Südostasien zwischen 1995 bis 2000 gehen den Grünen zufolge darauf zurück, dass neue Palmöl-Plantagen angelegt wurden. Etwa ein Viertel des importierten Palmöls werde in der EU inzwischen für Strom, Wärme oder Kraftstoffe verwendet – Tendenz steigend. Ähnlich alarmierende Berichte kommen aus Brasilien, wo neben der Ausweitung der Zuckerrohr-Plantagen für Ethanol auch immer mehr Sojaöl in der Amazonasregion erzeugt wird. Solche Rohstoffe sind billiger als etwa Rapsöl aus Europa.
Goldgräberstimmung
„Goldgräberstimmung“ herrsche in diesen Ländern, sagt Henningsen. „Das hat mit Bio gar nichts mehr zu tun“. Es gehe vor allem darum, die Energie-Abhängigkeit zu verringern. Und so attackieren die Umweltverbände die EU-Vorgabe, den Anteil von Biosprit bis 2010 von derzeit unter fünf auf zehn Prozent zu steigern. Mit den Agrarflächen in Europa sei dies nicht zu erreichen. Auch Thorben Becker, Energiereferent beim BUND, sagt, Biomasse sei anderweitig sinnvoller einsetzbar.
Einig sind sich zwar alle darin, dass die Ziele bei den erneuerbaren Energien langfristig zwar richtig seien, dass Auswüchse aber nur durch effektive Kontrollen verhindert werden könnten. Die bisher angestrebten Kriterien von Bundeslandwirtschafts- und Bundesumweltministerium, für die es einen ersten Entwurf gibt, reichen den Umweltschützern jedenfalls nicht. Mindeststandards nicht nur zur Verhinderung der Abholzung, sondern auch soziale Kriterien verlangen sie – etwa, dass keine Felder für Nahrungsmittel aufgegeben werden dürften. Die Tortilla-Krise in Mexiko, wo der Preis für dieses Grundnahrungsmittel aus Mais sprunghaft angestiegen ist, gilt als Alarmzeichen.
Gesamtkonzept gefordert
Wegen handelsrechtlicher Hemmnisse ist noch unklar, ob soziale Kriterien oder Kriterien zu Arbeitsstandards in das geplante Zertifizierungssystem aufgenommen werden. Jan Henke von meó consulting, einer Beratungsfirma, die zusammen mit Experten, NGOs, Produzenten und Händlern für das Bundeslandwirtschaftsministerium ein Zertifizierungskonzept ausgearbeitet hat, nennt drei zentrale Punkte: die Auswirkung auf den Regenwald und die Artenvielfalt sowie insgesamt die Treibhausgas-Bilanz des Produkts. Die Kontrolle etwa auf Plantagen vor Ort sollen zugelassene „Zertifizierer“ übernehmen. Möglichst dieses Jahr soll dazu ein Pilotprojekt starten.
So lange solch ein Zertifizierungssystem aber noch nicht besteht, verlangen Umweltschützer wie Henningsen ein Moratorium beim Import der nachwachsenden Rohstoffe. Die Industrie für „Agro-Kraftstoffe“ richte zu große Klimaschäden an. „Wir brauchen ein Gesamtkonzept – am besten EU- oder weltweit.“ An dem Punkt sind sie sich mit dem Bundesumweltministerium auch einig: Mittelfristig soll eher durch Innovationen oder Effizienz, etwa geringeren Krafstoffverbrauch, das Problem der Rohstoff-Nachfrage verringert werden.
Nobelpreisträger Michel kritisiert Einsatz von Biosprit
Der Chemie-Nobelpreisträger Hartmut Michel kritisiert den verstärkten Einsatz von Biosprit in der Europäischen Union. Die in der EU bestehende Pflicht zur Beimischung in herkömmliche Kraftstoffe sei unter Umweltgesichtspunkten «extrem negativ» und rechne sich überhaupt nicht, sagte Michel. Sie sollte vor allem wegen ihrer «verheerenden Auswirkungen» auf die Regenwälder sofort abgeschafft werden.
Da die Herstellungskosten in Europa nicht mit denen in der Dritten Welt vergleichbar seien, werde man gezwungen, etwa Palmöl aus Indonesien einzuführen, erklärte Michel. Gerade die Palmölproduktion in Indonesien führe aber dazu, dass Regenwälder abgeholzt oder niedergebrannt würden. Dann würden dort Ölpalmenplantagen angelegt, und das Palmöl werde in Biodiesel umgewandelt. Bei der Brandrodung werde so viel Kohlendioxid freigesetzt, dass man mehr als 100 Jahre brauche, um dieses Kohlendioxid wieder zu binden. Das gleiche gelte für Importe von Biodiesel auf der Basis von Sojabohnen aus Brasilien.
Auch die Unterstützung der EU und der Bundesregierung für den Anbau von Pflanzen zur Herstellung von Biokraftstoffen ist laut Michel aus ökologischer Sicht völlig sinnlos. Diese Politik führe mit Hilfe von Subventionen lediglich zu einer Einkommenserhöhung der Landwirtschaft. «Das ist der Hauptgrund, warum das passiert.»
Als Alternative zur Verwendung von Biomasse schlug Michel die direkte Verwendung in Form von Holz vor. «Das wäre wesentlich sinnvoller.» Wenn etwa Holzpellets von der schnell wachsenden Pappel anstelle von Erdöl oder Erdgas zum Heizen genommen würden, könnten mit dem eingesparten Erdöl oder Erdgas Autos betrieben werden. «Der Vorteil: Es wird keine Energie aus fossilen Quellen für die Umwandlung der Biomasse in Biodiesel oder sonstige Motorkraftstoffe eingesetzt.»
Michel erhielt 1988 den Nobelpreis und arbeitet am Frankfurter Max-Planck-Institut für Biophysik.
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